Kein Tatütata: Warum Logistik früher sichtbar werden muss
This article is the seventh part of series that appeared in DVZ (Deutsche Verkehrs Zeitung, dvz.de) with the title “Am Wendepunkt”. (In German)

Feuerwehr, Polizei oder Müllabfuhr muss man Kindern nicht erklären. Die fahren mit Blaulicht durch die Straßen oder steuern große orangefarbene Sammelfahrzeuge. Wenig überraschend schneiden sie bei den Berufswünschen von Kindern sehr gut ab. Man kennt sie, weil sie sich bemerkbar machen und beobachtet werden können. Logistik? Macht sich nicht bemerkbar. Sie funktioniert dann gut, wenn man sie nicht bemerkt. Wenn frische Avocados im Einzelhandelsregal liegen und das Paket zugestellt wird. Das ist operativ eine Tugend, aber kommunikativ ein Handicap.
Die Logistik hat ein Problem mit der Sichtbarkeit. Mein eigener Einstieg in die Branche illustriert das, denn mein Lebenslauf ist viel weniger geradlinig und planvoll als er heute wirken mag. Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, dass diese Branche existiert. Mein Einstieg war ein dicker grüner Studienführer (mehrere hundert eng bedruckte Seiten aus Telefonbuchpapier), durch den ich irgendwann planlos blätterte, um mich endlich zu entscheiden. Durch Zufall stieß ich dabei auf Wirtschaftsingenieurswesen. Studieren in einer fremden Stadt ist teuer, daher fing ich an einem Logistikinstitut an, dessen Aushang am Schwarzen Brett des Fachschaftsrats hing. So fing es an. Mehr Plan steckte nicht dahinter.
Man kann nur erwägen, was man kennt. Das gilt für Studienanfänger, berufserfahrene Quereinsteiger sowie für Kinder mit dem Berufswunsch, in der Feuerwehr zu arbeiten. Wir verlassen uns sehr darauf, dass die Menschen irgendwann von selbst draufkommen, wie relevant und spannend die Logistikwelt ist. Aber wenn das nicht passiert?
Natürlich ist es nicht so, dass nichts passiert. Viele Initiativen versuchen, die Logistik auf die Karte der Arbeitssuchenden zu setzen. Social-Media-Kampagnen, Recruitingmessen, Employer-Branding-Initiativen: alles sinnvoll und vor allem messbar in Klicks und Bewerbungen. Und alles recht spät. Wir setzen bei Menschen an, die bereits darüber nachdenken, was sie werden wollen. Ich finde, wir sollten so lange nicht warten.
Vor einigen Wochen haben wir an der Kühne Logistics University dreißig Mädchen aus den fünften und sechsten Klassen zum Girls‘ Day begrüßen dürfen. Wir haben über ganz grundlegende Aufgaben und Bereiche der Logistik gesprochen, aber diese auch als spannende Herausforderungen erlebt: fragile Versandstücke sicher verpacken, Gabelstapler-Parcours, Quiz-Duell. Was mich am meisten beeindruckt und begeistert hat, war die große Offenheit und Neugier für alles, was unbekanntes Terrain war. „Kenne ich noch nicht, will ich also auf jeden Fall ausprobieren.“ Die Mädchen waren beeindruckt davon, wie komplex und vielfältig Logistik ist: „Und man bekommt von dem Ganzen ja nicht mal was mit!“ Vorher war Logistik für diese Mädchen kein Begriff. Danach schon. Sichtbarkeit hergestellt.
Das Thema Sichtbarkeit hat auch eine strukturelle Ursache: Die Logistik ist außergewöhnlich heterogen. Es gibt kaum eine Branche, in der die Bandbreite der Berufsbilder größer ist, von Softwareentwicklung über Festmacher bis Nachhaltigkeitsmanagement und Lagerplanung. Was alle verbindet, ist nicht das eine Berufsbild, sondern das Ergebnis: dass alles geräuschlos abläuft. Die Feuerwehr hat das Tatütata. Wir haben das nicht. Was können wir also tun?
Der erste Hebel liegt auf der Hand: früher anfangen. Nicht als Ersatz für Recruitingkampagnen und Employer Branding sondern zusätzlich. Schulen besuchen, Praktika für Jüngere anbieten, ein Angebot für den Zukunftstag gestalten, Bildungsmaterialien entwickeln. Das klingt nach Ehrenamt, und manchmal ist es das auch. Vor allem ist es Grundlagenarbeit. Wer heute eine Elfjährige für Logistik begeistert, hat vielleicht in zehn Jahren eine Bewerberin. Vielleicht auch nicht. Aber ohne Sichtbarkeit wird es in jedem Fall schwerer.
Zweitens: Eltern mitdenken. Der Girls' Day erreicht nicht nur die teilnehmenden Mädchen. Er erreicht auch die Eltern, die ihre Töchter anmelden, die Beschreibungen lesen, die abends fragen, wie es war. Auch das Wimmelbuch der Logistik, das Kindern die Branche spielerisch näherbringt, wird nicht nur von Kindern allein angeschaut, sondern oft gemeinsam mit Erwachsenen. Jeder frühe Berührungspunkt mit der Branche hat einen Multiplikatoreffekt.
Am schwersten fällt vermutlich der letzte Schritt: die Fixierung auf sofort messbare Ergebnisse aufzugeben, gemessen in Views, Klicks oder Bewerbungseingängen. Frühzeitige Sichtbarkeitsarbeit bringt keinen kurzfristigen Erfolg und ist schwer messbar. Wer heute in einer Grundschule über Logistik spricht, sieht das Ergebnis vielleicht erst in zehn Jahren. Das ist unbequem, wenn man Druck hat, offene Stellen zu besetzen. Aber es ist trotzdem richtig.
Sichtbarkeit zu schaffen ist keine Aufgabe für HR allein. Personaler denken in Vakanzen und Bewerbungsprozesse und vielleicht nicht an Grundschulbesuche und Wimmelbücher. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der jeder mitmachen kann, der in der Logistik arbeitet. Auch ohne Budget und Strategie. Einfach, indem man redet. Mit Kindern, mit Schulen, mit der eigenen Familie. Darüber, wie unwahrscheinlich komplex logistische Systeme sind und welche Herausforderungen es in ihnen zu bewältigen gibt. Denn eines wurde am Girls‘ Day auch klar: Kindgerecht darstellen heißt nicht, schönzureden oder zu stark zu vereinfachen. Die Mädchen haben verstanden, dass vieles in der Logistik nicht rund läuft und dass wir sie brauchen werden.
Wenn wir wollen, dass junge Menschen Logistik als Zukunft sehen, dürfen wir nicht darauf hoffen, dass sie zufällig darüber stolpern. Wir müssen sichtbar werden, lange bevor die erste Bewerbung geschrieben wird.







